Basic Rights, Criminal Law, Evidence, Human Dignity, Murder, Police and Prosecutors, Right of Personality, Soering, True Crime

Söring bei Lanz: Beschwerde an das ZDF

Soeben habe ich und ein Berliner Rechtsanwalt (in seinem eigenen Namen handelnd) eine 18-seitige Beschwerde beim ZDF eingereicht in Bezug auf das Söring-Interview bei “Markus Lanz”. Der Inhalt ist mit nur kleinen Anpassungen unten wiedergegeben. Viel Spaß bei der Lektüre!

An den ZDF-Fernsehrat

20. Mai 2020

I. Einleitung

Am 14. Mai 2020 wurde eine 75-minütige ZDF-Sendung Markus Lanz ausgestrahlt. Die Studiogäste waren der rechtskräftig verurteilte Doppelmörder und Betrüger Jens Söring sowie der Kriminologe Prof. Dr. Bernd Maelicke, Professor an dem Institut der Sozialwirtschaft. Auszüge eines Interviews mit dem US-amerikanischem Autor John Grisham wurden auch während der Sendung eingespielt.

Die Sendung bestand aber in erster Linie aus einem langen Interview mit Jens Söring. Gesprächsthemen waren Sörings Mordprozess in den USA, seine Unschuldsbeteuerungen und seine Erlebnisse während seiner Haft in den amerikanischen Gefängnissen. Es wurde Söring erlaubt, die eigene Unschuld wiederholt zu beteuern. Weder Herr Lanz noch Prof. Dr. Maelicke stellten kritische Fragen an Söring. Kein Gast wurde eingeladen oder eingeschaltet, um Sörings Behauptungen und Aussagen zu überprüfen bzw. ihm kritische Fragen zu stellen. Auch gab es seitens von Herrn Lanz oder dem ZDF keine Anstrengungen, Sörings Aussagen von unabhängigen Experten zu prüfen.

Das Ergebnis war eine sehr einseitige Sendung, die eine verfälschte Wahrnehmung eines der wichtigsten Falls der neueren amerikanischen Kriminalgeschichte propagierte und negative Vorurteile über die US-amerikanische Justiz bestärkte.

Insbesondere wurde die eindeutige Beweislage gegen Söring, der sein Geständnis über einen Zeitraum von Jahren aufrechterhalten und auch in Zweiergesprächen mit Psychologen immer wieder wiederholt hatte, nicht erwähnt. Auch waren mehrere Aussagen Sörings und Grishams deutlich ehrenrührig. Obwohl Söring selbst auf anwaltlichen Rat keinerlei Anschuldigen mehr gegen seine damalige Freundin Elizabeth Haysom erhebt, wurde ihm dies in der Sendung dadurch ermöglicht, dass eine frühere Aufzeichnung mit diesen Anschuldigungen passend eingespielt wurde.  Ein Hinweis darauf, dass diese Darstellung – selbst nach eigenem Eingeständnis von Söring durch keine Fakten belegt ist, fehlt vollkommen.

Im Voraus soll der Umfang dieser Beschwerde klargestellt werden:

  1. Sörings Schilderung des Gefängnisalltags in Virginia wird ausdrücklich nicht beanstandet. Das Thema ist von offensichtlicher Relevanz, und es gibt keine Hinweise auf die Falschheit Sörings Äußerungen zu diesem Thema.
  2. Es wird auch ausdrücklich nicht beanstandet, dass Söring bei Markus Lanz erschienen ist, um seine Sichtweise auf seinen Prozess und die gegen ihn ins Feld geführte Beweise weiterzugeben. Herr Söring genießt nach Art. 5 GG ein Recht auf freie Meinungsäußerung. Es wird nur beanstandet, dass das ZDF keine Anstrengungen unternommen hat, eine ausgewogene, fundierte Sendung zu gestalten, oder die Persönlichkeitsrechte und Würde der von Grisham und Söring angegriffenen Menschen zu schützen.

Aus diesen Gründen verstößt die Sendung gleich gegen mehrere Richtlinien des ZDF, wie unten ausführlich dargestellt wird. Zunächst werden Auszügen der relevanten „Richtlinien für die Sendungen und Telemedienangebote“ des ZDF (Stand 2009) dargestellt (II). Es folgt Hintergrundinformationen zum Fall Jens Söring, die für die Beurteilung der Beschwerde relevant sind (III). Dann werden einzelne Verletzungen der Richtlinien anhand von Auszügen aus dem Programm begründet (IV). Schließlich werden Schritte vorgeschlagen, um die von dieser Sendung ausgehenden Schaden zu begrenzen (V).

II. Betroffene Richtlinien des ZDF

Bei der Beurteilung der Sendungen sind die folgenden Richtlinien des ZDF relevant:

Richtlinie I (1): „Die Würde des Menschen…sind in allen Sendungen und Telemedienangeboten zu wahren.“ (nachfolgend Richtlinie Würde des Menschen).

Richtlinie I (2) „…Das Persönlichkeitsrecht…sind in den Angeboten zu achten“ (nachfolgend Richtlinie Persönlichkeitsrecht).

Richtlinie I (3) „Die Angebote sollen … Hintergründe und Zusammenhänge erhellen und Orientierungshilfen zur Einordnung und Gewichtung der Informationen geben.“ (nachfolgend Richtlinie Hintergründe).

Richtlinie I (4) „…Zweifel an der Zuverlässigkeit einer Nachricht sind zum Ausdruck zu bringen.“ (nachfolgend Richtlinie Zweifel an Zuverlässigkeit).

Richtlinie III (4) „Die Informationssendungen und –angebote müssen durch Darstellung der wesentlichen Materialien der eigenen Meinungsbildung dienen. Sie dürfen dabei nicht durch Weglassen wichtiger Tatsachen…die persönliche Entscheidung zu bestimmen versuchen.“ (Richtlinie Weglassen wichtiger Tatsachen).

Richtlinie III (5) „Sendungen, in denen bei strittigen Fragen ein Standpunkt allein oder überwiegend zur Geltung kommt, bedürfen eines entsprechenden Ausgleichs. Wenn in Einzelsendungen zu strittigen Fragen eine bestimmte Meinung vertreten wird, so ist in ihnen möglichst auf die ergänzende(n) Sendung(en) hinzuweisen.“ (nachfolgend Richtlinie Ausgewogenheit).

Richtlinie III (6) „Es ist darauf zu achten, dass gegensätzliche Standpunkte möglichst gleichwertig behandelt werden.“ (nachfolgend Richtlinie gleichwertige Behandlung).

Richtlinie VII (4) „Die Angebote dürfen keine verrohende oder verhetzende Wirkung haben.“ (nachfolgend Richtlinie verrohende Wirkung).

Sofern nicht anders angegeben, wurden sämtliche Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche vom Beschwerdeführer Andrew Hammel (ermächtigter Übersetzer beim OLG Düsseldorf) verfasst.

III.        Sachverhalt

Es folgte eine kurze Zusammenfassung des Falls, die von Beschwerdeführer Andrew Hammel verfasst und auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeine Zeitung am 18. Dezember 2019 veröffentlicht wurde:

Söring wurde 1966 als Sohn eines deutschen Diplomaten in Thailand geboren. Nachdem sein Vater nach Amerika versetzt worden war, begann er ein Studium an der University of Virginia. Im August 1984 lernte er dort die damals 20 Jahre alte Elizabeth Haysom kennen, Tochter von Derek und Nancy Haysom, einem wohlhabenden Ehepaar, das in Virginia lebte. Söring und Elizabeth – beide intelligent, neurotisch und geistig labil – begannen eine Beziehung, die von euphorischer Leidenschaft, seelischer Überspannung und bizarren Gewaltphantasien geprägt war (die Briefwechsel der beiden sind online nachzulesen). Haysoms Eltern missfiel die Beziehung zu Söring. Die Abneigung war gegenseitig: Haysom und Söring hassten Haysoms Eltern.

Zusammen schmiedeten sie Pläne, die Haysoms umzubringen. Am 30. März 1985 fuhr das junge Paar nach Washington, D.C. Dort buchten sie ein Hotelzimmer und kauften Kinotickets, um sich ein Alibi zu verschaffen. Dann fuhr Jens zu den Haysoms, wo es erst zu einem Gespräch, dann zu einem Streit kam; schließlich sei er ausgeflippt, wie Söring später sagte. Unvermittelt stach er auf Elizabeth’ Eltern ein. Die Opfer erlitten Dutzende Messerstiche.

Nach den Morden kehrte Söring nach Washington zurück. Im Oktober 1985 wurde er aufgefordert, Blutproben und Fingerabdrücke bei der Polizei abzugeben. Stattdessen floh er überstürzt aus den Vereinigten Staaten; Elizabeth folgte ihm kurz danach. Im April 1986 wurden sie bei einer Betrugsmasche in London ertappt. Wright war einer der Beamten, der mit dem Betrugsfall befasst wurde. Gegenüber Wright und anderen Beamten gestanden Söring und Haysom ihre jeweiligen Rollen im Mordkomplott. Beide wurden ausgeliefert, nachdem der Staat Virginia zugesagt hatte, auf die Todesstrafe zu verzichten. In seinem Prozess [die 1990, mehr als vier Jahre nach seinem ersten Geständnis und mehr als zwei Jahre nach der rechtskräftigen Verurteilung von Elizabeth stattfand,]  änderte Söring seine Geschichte dann radikal: Elizabeth habe ihre Eltern selbst getötet, während er, Söring, in Washington gewartet habe. Er habe die Tat nur gestanden, um Elizabeth zu schützen. Die Jury glaubte ihm nicht. Seine Revisionen scheiterten.“

Einen weiteren, äußerst umfangreichen Artikel zum Fall vom Beschwerdeführer Andrew Hammel ist dieser Beschwerde als Anlage I beigefügt.

Nach Sörings Prozess hat er und seine Anwälte mehrere Revisions- Wiederaufnahmeverfahren eingereicht. Als Folge wurde Sörings Prozess im Laufe der Zeit von verschiedenen Gerichten überprüft:

Soering v. Commonwealth of Virginia, Record No. 1610-09-3, Virginia Court of Appeals, 1990 (nicht im Internet verfügbar, dem Verfasser Andrew Hammel vorliegend).

Soering v. Deeds, Record No. 971647, Virginia Supreme Court, April 17, 1998.

Soering v. Deeds, No 99-6498, United States Court of Appeals for the Fourth Circuit, June 30, 2000.

Soering v. Warden of Brunswick Correctional Center, No. 03-7863, United States Court of Appeals for the Fourth Circuit, August 24, 2004.

Unter anderem machte Söring geltend, dass (1) seine Geständnisse unter verfassungswidrigen Umständen erlangt worden waren; (2) der Richter bei seinem Prozess, William Sweeney, befangen war; und dass (3) seine privat bestellte Prozessanwälte, Richard Neaton und William Cleaveland, ihn fehlerhaft verteidigt hatten. Alle Gerichte haben sämtliche Revisionsgründe Sörings ausnahmslos und einstimmig zurückgewiesen. Nach einer eingehenden Prüfung der Beweislage konstatierte das United States Court of Appeals in seiner Entscheidung aus dem Jahr 2000 (S. 7-8) die „überwältigende Beweise, dass [Söring] eigenhändig die Haysoms getötet hat.“ („…the overwhelming evidence that he personally killed the Haysoms”).

Söring ist also nicht nur ein rechtskräftig verurteilter Mörder, sondern hat auch alle ihm freistehende Rechtswege ausgeschöpft, ohne einen einzigen Richter überzeugen zu können. Im Laufe der Zeit hat Söring aber eine kleine Gruppe von Anhängern von seiner Unschuld überzeugen können, darunter der Sendungsgast John Grisham. Im November 2019 wurde Söring auf Bewährung freigelassen. Das dafür zuständige Gremium, the Virginia Parole Board, hat vorher alle Behauptungen Sörings überprüft und für haltlos befunden und in der Begründung ausdrücklich Sörings Schuld bestätigt:

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“Die jahrelange, erschöpfende Untersuchung für eine echte Suche nach der Wahrheit ergab, dass Jens Sörings Unschuldsbeteuerungen unbegründet sind. Am Montag, dem 25. November, lehnte der Gouverneur Jens Sörings Gnadengesuch ab.“

Seit seiner Verurteilung 1990 bis Januar 2020 vertrat Söring eine alternative Geschichte seines Falls, nämlich dass Elizabeth Haysom ihre Eltern eigenhändig ermordet hat. Elizabeth Haysom bekannte sich 1987 schuldig lediglich zur „Beteiligung vor der Tat“  bei der Ermordung ihrer Eltern, und wurde zu 45 Jahre Freiheitsstrafe verurteilt. Es gibt weder eine gerichtliche Feststellung noch Beweise, dass sie am Tatort war.

Am 22. Januar 2020 haben auch zwei hochrangige Scotland-Yard Polizeibeamter, die Söring persönlich vernommen haben, einen allesumfassenden 454-Seitigen Bericht zum Fall Söring veröffentlicht (siehe Anlage 2) der sich mit jeder Behauptung Sörings auseinandersetzt. Anhand von zahlreichen Originaldokumenten stellt der Bericht definitiv dar, dass Söring schuldig ist und rechtmäßig verurteilt wurde. Zu diesem Bericht hat Söring nicht Stellung genommen

IV. Erläuterungen zu den einzelnen Verletzungen der Richtlinien

A. Gesamtkonzept der Sendung und von Söring auferlegten Auflagen

Obwohl Jens Sörings Schuld amtlich feststeht, gab es bei der Sendung kein Gast, der seine Verurteilung verteidigt hat. Söring und Grisham wurden erlaubt, Sörings Prozess und die amerikanische Justiz als Ganzes aufs Schärfste zu kritisieren, ohne jegliche Gegenstimme oder kritisches Nachfragen. Das Ergebnis war eine Sendung, bei der ausschließlich der Standpunkt Sörings wiedergegeben wurde. Wie unten im Einzelnen dargestellt wird, sind viele während der Sendung getätigte Aussagen Sörings nachweislich falsch. Die Sendung als Ganzes präsentiert eine komplett einseitige und irreführende Version von wichtigen historischen Ereignissen.

Es gibt auch im Mediathek-Angebot ein Interview mit John Grisham, in dem er sich äußerst kritisch mit der amerikanischen Justiz auseinandersetzt und viele Akteuren im Fall Söring persönlich angreift. Dieser höchstpolemische Beitrag wurde auszugsweise bei der Sendung eingeblendet und ist nach wie vor in voller Länge ohne jegliche kritische Nachprüfung oder Gegendarstellung in der ZDF-Mediathek erhältlich.

Es ist auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Fall, dass Markus Lanz bzw. die Produzenten Forderungen bzw. Auflagen seitens Herrn Söring gefolgt sind. Söring ist durch die Hamburger Rechtskanzlei Cronemeyer & Grulert und die Hamburger Medienberater Dederichs, Reinecke & Partner vertreten. Beide waren z.B. bei seinem Interview mit Der Spiegel anwesend. Es ist anzunehmen, dass es Herrn Lanz durch diese Berater verboten wurde, Söring bestimmte Fragen zu stellen, oder ihm unangenehmen Gästen einzuladen. Zuschauer wurden aber nie darüber informiert, unter welchen Bedingungen bzw. Auflagen das Interview geführt wurde. Um die Entstehungsgeschichte der Sendung nachzuvollziehen muss sämtliche Kommunikation zwischen Sörings Vertretern und der Produktionsleitung der Sendung offengelegt werden.

Aus den oben genannten Gründen verstoßt das Gesamtkonzept der Sendung daher gegen Richtlinie III (6) (gleichwertige Behandlung), und Richtlinie III (5) (Ausgewogenheit). Der intransparente Umgang mit den von Söring auferlegten Auflagen verstoßt auch gegen Richtlinie I (4) (Zweifel an Zuverlässigkeit) und Richtlinie III (4) (Weglassung wichtiger Tatsachen).

B. Allgemeine Bemerkungen zu den Einlassungen von Jens Söring

Während der Sendung war die Glaubwürdigkeit von Jens Söring nie direkt angesprochen.  Dabei gibt es mehrere objektive Indizien, die Sörings Glaubwürdigkeit schwerstens untergraben. Söring ist nicht nur ein verurteilter Doppelmörder, er wurde auch in London, UK, wegen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt. Mit den Worten des Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, Soering v. Vereinigtes Königreich, EGMR-E 4, 376, 7. Juli 1989: „Der Bf. [Söring] wurde daraufhin (nach Verbüßung einer Freiheitsstrafe wegen Scheckbetrugs) am 30. Dezember 1986 im Gefängnis von Chelmsford inhaftiert.“

Auch hat Söring mindestens zweimal einen Meineid begangen. Die erste amtliche Feststellung von Meineid erfolgte März 1990, vor seinem Prozess in Bedford County, Virginia. Am 1. März 1990 sagte Söring unter Eid vor District Judge William Sweeney Söring aus, dass er die Tat nur gestanden hat, weil der englische Scotland-Yard Ermittler Kenneth Beever Elizabeth Haysom mit körperlicher Gewalt gedroht hat. Beever sagte auch unter Eid aus und wies den Vorwurf Sörings vehement zurück. In einem Zwischenbeschluss (dem Verfasser Andrew Hammel vorliegend) urteilte der Richter, dass Söring unter Eid gelogen hat: „Einfach gesagt, glaube ich Soering zu diesem Thema nicht. Er hat weder Unterlagen noch Zeugenaussagen vorgelegt. Der Beamte bestritt ausdrücklich, eine solche Aussage gemacht zu haben, und die daraufhin aufgenommenen Interviews, die das Gericht fünf Stunden lang anhörte, lieferten keine Hinweise, dass Soering zu irgendeinem Zeitpunkt unter Zwang handelte.“ Sämtliche Revisionsgerichte stimmten mit diesem Urteil überein.

Söring beging ein zweites Mal Meineid vor der Jury bei seinem Hauptverfahren. Anders als in Deutschland, müssen beim amerikanischen Gerichtsverfahren auch Angeklagten einen Eid ablegen. Sörings Aussage, wenn die Jury sie geglaubt hätte, hätte zwangsweise zu einem Freispruch fuhren müssen. Daher ist der Schuldspruch an sich eine amtliche Feststellung, dass Söring einen Meineid begangen hat. Dabei ist nicht jede Verteidigung gegen einen Tatvorwurf in den USA ein Meineid, sondern der Angeklagte hat die freie Wahl, ob er seinen Anwalt für sich reden lässt oder sich selbst von dem Staatsanwalt befragen lässt.

Während der Sendung gab es aber überhaupt keinen Hinweis auf diese Tatsachen, die für eine verlässliche Einschätzung Sörings Glaubwürdigkeit unverzichtbar sind.

Die unkritische Wiedergabe Sörings Aussagen, als Ganzes, verstoßt daher gegen Richtlinie I (4) (Zweifel an Zuverlässigkeit) und Richtlinie III (4) (Weglassen wichtiger Tatsachen).

Ganz zentral wird gegen Richtlinie I (4) verstoßen. Denn die Behauptung von Söring, dass er die Tat „aus Liebe zu seiner damaligen Freundin Elizabeth“ gestanden habe, um sie „vor dem elektrischen Stuhl zu bewahren“ ist so offenkundig unlogisch, dass jeder Journalist sie ansprechen muss:

Söring hat bereits in seinem ersten Geständnis angegeben, die Tat zusammen mit Elizabeth geplant und durchgeführt zu haben. Sie beide hätten abgesprochen, dass Elizabeth in der Tatnacht in Washington D.C. bleiben solle, während er allein vor Ort die Tat begeht.

Diese Aussage ist natürlich vollkommen ungeeignet, um Elizabeth vor der amerikanischen Justiz zu schützen. Denn mit dieser Aussage hatte er Elizabeth der Beteiligung dem Mord bezichtigt, worauf in Virginia eine ggf. lebenslängliche Freiheitsstrafe steht. Elizabeth Haysom wurde in der Tat für genau dieses Verbrechen verurteilt, und enthielt eine Freiheitsstrafe von 45 Jahren.

B. Konkrete Aussagen Jens Sörings

1. Zum Gnadengesuch

Söring behauptet, dass er lange Zeit keine Hoffnung auf Gnade oder Freilassung hatte, weil nur Gefangenen, die Reue zeigen, diese Begünstigungen bekämen. Er aber konnte keine Reue zeigen, weil er die Tat nicht begangen habe. Dann sagt Söring (Sendezeit 14:20): „[Die Virginianischen Behörden] haben mich nie brechen können. Das wollten sie von mir, und sie haben es nie bekommen. Und die Tatsache, dass sie mich trotzdem freigelassen hat ist ein Eingeständnis der Virginianischen Behörden, dass ich es nicht war, oder mindestens, dass es sehr schwere Zweifel an meiner Schuld gibt.“

Diese Aussage ist verleumderisch und falsch. Söring wirft den Virginianischen Behörden vor, dass Virginia grausam oder unmenschliche Methoden eingesetzt hat, um ihn zu „brechen“. Das ist eine Gruppendiffamierung der Virginianischen Justizbehörden. Söring liefert keine Beweise für diese ehrenrührige Aussage. Die Forderung an verurteilten Straftätern nach einer Übernahme der Verantwortung für die Straftat ist keine Folter, sondern ein wichtiger Schritt bei der Resozialisierung. Deshalb gilt es in allen Vollzugsanstalten der Welt, auch in Deutschland, dass Reue und Einsicht wichtige und legitime Kriterien bei Entscheidungen über Gnade oder Freilassung sind.

Sörings Aussage über die Gründe für seine Freilassung sind auch falsch. Wie oben dargestellt, haben die Virginianische Behörden seinen Fall „erschöpfend“ überprüft, und seine Schuld ausdrücklich bestätigt. Um 18:26 Sendezeit sagt Söring, dass seinem Gnadengesuch nicht stattgegeben wurde, weil der Bundesstaat Virginia ein Justizirrtum in seinem Fall nicht eingestehen wollte. Hätte der Staat ein Justizirrtum förmlich anerkannt, stünde Söring eine Haftentschädigung zu, die – laut Söring – Virginia nicht bezahlen wollte. Auch diese Unterstellung ist falsch und ehrenrührig. Sörings Gnadengesuch wurde zurückgewiesen, weil er offensichtlich schuldig ist und keine Reue gezeigt hat. Virginia ist durchaus bereit, Justizirrtümer einzugestehen und Haftentschädigung zu bezahlen. In dutzenden Fällen von echten Justizirrtümern ist genau das passiert.

Söring wurde Eine Haftentschädigung nicht aus politischen oder fiskalischen Gründen verweigert, sondern weil Sörings Gefängnisaufenthalt vollkommen gerechtfertigt war – wie die Behörden in Virginia ausdrücklich festgestellt haben. Sörings falsche Darstellung der Lage wurde nie richtiggestellt.

Sörings Aussage „sie wollten mich brechen“ verstoßt u.a. gegen Richtlinie I (2) (Persönlichkeitsrecht) und Richtlinie VII (4) (Verrohende Wirkung).

Sörings irreführende Aussagen über die Gründe für seine Freilassung verstoßen u.a. gegen Richtlinie I (3) (Hintergründe) und Richtlinie III (4) (Weglassen wichtiger Tatsachen).

2. Pauschalisierende Kritik an der US-amerikanischen Justiz

Um 29:14 Sendezeit sagt Söring: „Das amerikanische Justizsystem beruht darauf, Härte zu demonstrieren, Gnadenlosigkeit, und in gewisser Weise Unmenschlichkeit.“

Natürlich genießt Söring ein Recht auf freie Meinungsäußerung nach Art. 5 GG. Aber seine stark vereinfachte und pauschalisierende Polemik wurde nicht kritisch hinterfragt und durch keine Gegenstimme relativiert bzw. in Zusammenhang gesetzt. Sie verstoßt daher gegen Richtlinie VII (4) (Verrohende Wirkung); Richtlinie III (5) (Ausgewogenheit).

3. Falsche Aussagen zur Tatnacht

Um Sendezeit 37:14 begann der folgende Austausch:

Söring: „Ich war nicht am Tatort. Ich habe nichts davon gewusst. Ich war in Washington, DC. Und ich war im Kino. Und ich erfuhr erst von der Tat später.

Frage von Markus Lanz: „Von ihr? [d.h. Elizabeth]“

[Nach einer langen Pause erwähnt Lanz „juristische Gründe“ Söring nimmt diesen – gespielt spontanen – Anstoß absprachegemäß auf]: „Ich kann heute nicht mehr so über die Tatnacht sprechen, weil ich mich an deutsche Gesetze zu halten habe. Ich kann nur sagen, dass ich nicht am Tatort war.“

Um diese schleierhafte Passage zu erklären: die deutsche „Gesetze“, die Söring „zu halten habe“ sind Vorschriften zu Persönlichkeitsrecht, Beleidigung, üble Nachrede, u.a. Da auch seine damalige Freundin Elizabeth Haysom freigelassen wurde und durch einen deutschen Rechtsanwalt vertreten wird, muss Söring nunmehr mit schwerwiegenden juristischen Folgen rechnen, wenn er Elizabeth Haysom des Mordes an den eigenen Eltern beschuldigt. Diese negativen Folgen wurden Söring bereits über den deutschen Anwalt angedroht.  Und weil  dieser Vorwurf auch vermutlich nach Auffassung der Anwälte von Söring nicht beweisbar und eindeutig ehrenrührig ist, darf Söring ihn nicht mehr erheben.

Damit Söring seinen Vorwurf dennoch erheben kann, wurde im Vorfeld der Sendung abgesprochen, dass nach der Erwähnung von Elizabeth durch Lanz und die Äußerung von Söring, hierzu keine Angaben machen zu dürfen, ein kurzer, vorher vorbereiteter Ausschnitt aus Sörings Prozess eingespielt wird, in dem Söring vor der Jury behauptet, dass Elizabeth Haysom persönlich die eigenen Eltern ermordet habe. Natürlich kann Söring für seine Aussagen bei seinem Prozess nicht belangt werden. Die Produktionsleitung der Sendung hat Söring also dabei geholfen, sein Vorwurf gegen Elizabeth Haysom wiederzubeleben.

Dieser Sendungsabschnitt enthält zwei Beispiele fehlender Hintergründe. Zum einen hätte der Zuschauer erfahren sollen, dass Sörings Geschichte über sein Nichtwissen von der Tat und sein Alibi in Washington, DC bei seinem Prozess schlüssig wiederlegt worden ist. Das Fehlen einer sachlichen Gegendarstellung von einer neutralen oder gegnerischen Instanz verstoßt gegen mehrere Richtlinien.

Auch verbirgt Lanz eine zentrale Tatsache: In seinem 2012 erschienen Buch „Nicht Schuldig“, die 2019 nach seiner Freilassung mit einem Vorwort von Söring neu aufgelegt wurde, behauptet Söring nach wie vor, dass Elizabeth Haysom die eigenen Eltern ermordet habe. In dem 2019 verfassten Vorwort steht folgender Satz: „Seit der Nacht, in der Elizabeth ihre Eltern ermordete, befand ich mich ununterbrochen unter äußeren Zwängen…“ (Kindle Position 69). In einem Spiegel-Interview vom 28. Januar 2020 aber änderte Söring seine Geschichte schlagartig. In diesem Interview behauptet Söring nun, dass er nicht wisse, wer Derek und Nancy Haysom ermordet hat. Auch bei Lanz gibt Söring an, nicht zu wissen, „wer das Messer geführt hat“.

Die Tatsache, dass Söring das Kernelement seiner Erzählung in letzter Zeit mehrmals geändert hat, ist offensichtlich von zentraler Bedeutung für die Bewertung seiner Aussagen. Trotzdem wurden Zuschauern nicht darüber informiert.

Die unkritische Wiedergabe von Sörings Aussagen verstößt daher u.a. gegen Richtlinie I (3) (Hintergründe), Richtlinie I (4) (Zweifel an Zuverlässigkeit), und Richtlinie III (4) (Weglassen wichtiger Tatsachen).

4. Aussagen zur Glaubwürdigkeit von Elizabeth Haysom

Wie oben dargestellt, hat Elizabeth Haysom seit 1986 ihre Geschichte nie geändert. Sie hat während ihrer Befragung in London über ihre Rolle bei der Tat ausgesagt und diese Aussage weder in ihrem Strafverfahren noch zu einem späteren Zeitpunkt geändert. Das Gericht hat ihre Aussage für glaubhaft gehalten.  Trotzdem wirft Söring Elizabeth vor, Lügnerin zu sein. Um Sendezeit 45:47 sagt er: „Es wäre schön, wenn sie die Wahrheit sagen könnte, aber das glaube ich wird sie nie tun.“

Diese Bemerkung fiel nachdem der Zuschauer den Ausschnitt von Sörings Prozess, in dem er Elizabeth eine Mörderin nannte, gesehen hatte. Im Zusammenhang daher ist die Bedeutung von Sörings Bemerkung unmissverständlich: Elizabeth Haysom hat ihre Eltern getötet, wird aber nie „die Wahrheit“ darüber sagen. Mit anderen Worten: Elizabeth Haysom ist sowohl Mörderin als auch Lügnerin. Sörings Aussage ist sowohl ehrenrührig als falsch. Es gibt überhaupt keine Hinweise, dass Elizabeth Haysom persönlich dabei war, als ihre Eltern von Elizabeth Haysom ermordet wurden. Im Gegensatz: um das Fourth Circuit Court of Appeals wieder mal zu zitieren, gibt es „überwältigende Beweise, dass [Söring] eigenhändig die Haysoms getötet hat.“

Elizabeth Haysom wurde keine Möglichkeit eingeräumt, den eigenen Ruf gegen Sörings denkbar schwerwiegenden und völlig unbegründeten Vorwurf zu verteidigen. Herr Lanz verriet nicht einmal, ob das ZDF um eine Stellungnahme von Haysom oder ihrer Familie gebeten hat.

Die kommentarlose und unkritische Wiedergabe von dieser ehrenrührigen Aussage (Elizabeth Haysom ist eine Lügnerin und Mörderin) verstoßt u.a. gegen Richtlinie I (1) (Würde des Menschen); Richtlinie I (2) (Persönlichkeitsreicht); Richtlinie III (5) (Ausgewogenheit); Richtlinie III (6) (Gleichwertige Behandlung).

5. Aussage über Sörings Vorbestrafung

Um Sendezeit 46:46 sagt Söring: „In der Nacht [nach Verhängung meiner Freiheitsstrafe] wurde ich zum ersten Mal in meinem Leben ein verurteilter Straftäter.“

Das ist auch falsch. Wie oben unter IV.B. ausgeführt, wurden Söring und Haysom 1986 in London, UK zu Freiheitsstrafen wegen Scheckbetrugs verurteilt. Söring hat diesen Betrug sogar ausführlich in seinem Buch „Nicht Schuldig!“ beschrieben: „Nach sechs Wochen voller Warten und Sparen waren wir bereit, unseren großen Betrug in Gang zu setzen.“ (Kindle Position 2048).

Die unkritische und unkommentierte Wiedergabe dieser Falschdarstellung verstoßt gegen Richtlinie III (4) (Weglassen wichtiger Tatsachen) und Richtlinie I (3) (Hintergründe).

6. Sörings Aussagen zum Sockenabdruck am Tatort

Söring hat einen blutigen Sockenabdruck am Tatort hinterlassen. Dieser Sockenabdruck war vergleichbar mit Sörings Fuß, und war als Beweisstück bei seinem Prozess ausführlich thematisiert. Da ein Sockenabdruck im Vergleich mit einem Fußabdruck sehr begrenzte bestimmbare Merkmale aufweist, behauptete der Sachverständige beim Prozess, Robert Hallett, dass der Sockenabdruck lediglich mit dem Fußabdruck Sörings vergleichbar (comparable) war. Mit anderen Worten, ein Sockenabdruck lässt nicht auf eine bestimmte Person schließen, kann aber Menschen mit deutlich größeren oder kleineren Füßen ausschließen. Da Sörings Fuß weder wesentlich größer noch wesentlich kleiner als der Sockenabdruck war, war Söring nicht ausgeschlossen. Sowohl der Sockenabdruck vom Tatort als auch die Fußabdrücke von Söring und Haysom wurden ausführlich thematisiert bei Sörings Prozess. Die Jury durfte offizielle Fotos vom Tatort und von den Fußabdrucken selbst in die Hand nehmen zum Vergleichszwecken.

Aber die Zuschauer von Markus Lanz erfuhr nichts von alledem. Söring behauptet zunächst, dass er „wegen dieses Sockenabdrucks“ (Sendezeit 52:18) verurteilt wurde. Das ist natürlich falsch, der Sockenabdruck war nur ein Teil der Beweise. Söring wurde in erster Linie aufgrund seinen rechtsstaatlich erlangten, reichlich untermauerten Geständnissen verurteilt. Daraufhin stellte Lanz die folgende ganz im Sinne Sörings Suggestivfrage (Sendezeit 52:30): „Dieser Sockenabdruck war gar nicht Ihrer Größe.“ Die Antwort von Söring war natürlich: „Natürlich“. Beim Zuschauer wurde der Eindruck hinterlassen, dass der Sockenabdruck wesentlich von Sörings Fußgröße (Söring nennt “2 und 1/2” US-amerikanische Schuhgrößen) abwich – und dass der Richter, der Staatsanwalt, die Jury, die Zuschauer im Gerichtssaal, und Millionen von Menschen im Fernsehpublikum damals (Sörings 1990 Prozess wurde live im Fernsehen übertragen) diese eklatante Diskrepanz aus irgendeinem Grund nicht bemerkt haben. fusabrkc

Diese absurde Vorstellung ist natürlich falsch. Die Jury hat den Sockenabdruck mit einem Abdruck Sörings Fuß verglichen und für vergleichbar befunden. Dasselbe gilt für den FBI-Experten, Robert Hallett, der beim Prozess aussagte. Selbst Söring schreibt in seinem Buch über den Vergleich: „Die Ähnlichkeit war bemerkenswert“. (Nicht Schuldig!, Kindle Position 2948).

Es ist aber nicht nötig, Akteneinsicht zu beantragen, um die Vergleichbarkeit von Sörings Fuß und dem Sockenabdruck zu prüfen. Sörings Prozess war eines der berühmtesten in der amerikanischen Kriminalgeschichte, und wurde zudem im Fernsehen übertragen. Die beim Prozess zugelassene Beweisstücke sind überall im Internet leicht zu finden. Das Foto oben links zeigt die Fußabdrücke von Elizabeth Haysom (links) und Jens Söring (rechts), sowie der Fußabdruck, der am Tatort hinterlassen wurde. Es gibt auch zahlreiche Videos im Internet, die das Beweisstück ganz klar zeigen. Es ist offensichtlich, dass der Fußabdruck Sörings vergleichbar mit dem Sockenabdruck am Tatort ist. Mehr sagte Hallett bei Sörings Prozess auch nicht.

Gleich nach dem Austausch über den Sockenabdruck geschieht etwas Bemerkenswertes: Markus Lanz sagt (Sendezeit 53:19): „Da gab es so viele Widersprüchlichkeiten im ganzen Thema, dass ich – dass man sich, in der Nachschau wundert, dass sich irgendwann mal einer [nicht] aufsprang und sagte: ‚Stopp! Das ganze Bild passt einfach nicht zusammen‘.“ Hier wirft Lanz offensichtlich jeden Ansatz von Neutralität über Bord und ergreift Partei für Söring. Die Szene hätte aus der Feder von Sörings Medienberater stammen können.

Statt Sörings Aussagen zu prüfen hilft Lanz Söring aktiv dabei, einen irreführenden Eindruck beim Zuschauer zu hinterlassen. Dies ist ein Verstoß u.a. gegen Richtlinie I (3) (Hintergründe); Richtlinie III (5): „Sendungen, in denen bei strittigen Fragen ein Standpunkt allein oder überwiegend zur Geltung kommt, bedürfen eines entsprechenden Ausgleichs); und Richtlinie III (4): “Die Informationssendungen…müssen durch Darstellung der wesentlichen Materialien der eigenen Meinungsbildung dienen. Sie dürfen dabei nicht durch Weglassen wichtiger Tatsachen…die persönliche Entscheidung zu bestimmen versuchen.“

D. Aussagen von John Grisham

Gegenstand dieser Beschwerde ist auch das Interview mit John Grisham unter dem Titel „Er ist nicht schuldig“, das in der ZDF-Mediathek verfügbar ist. Grisham ist ein glühender Anhänger Jens Sörings, wie man an der Tatsache erkennen kann, dass Grisham Söring (Sendezeit 13:00) „a great guy“ (ein großartiger Kerl) nennt. In diesem Abschnitt wird die vom ZDF bereit gestellte deutsche Übersetzung von Grishams Aussagen gleich nach dem englischen Original hinzugefügt. Im Interview resümiert Grisham den Fall ganz im Sinne Sörings. Wie Söring beeinträchtigt Grisham die Persönlichkeitsrechte von Akteuren im Fall Söring und führt den Zuschauer in die Irre.

1. Irreführende Aussagen

Sendezeit 5:53 „There was no physical evidence.“ (Es gab keinen Beweis dafür, dass Jens am Tatort war). Das ist falsch. Blut von Sörings Typ und einen Sockenabdruck, der mit Sörings Fuß vergleichbar war, wurden am Tatort gefunden.

Sendezeit 6:13 „He almost cut their heads off.” ([Söring hat] ihnen den Kopf fast [abgeschnitten]). Falsch. Nancy Haysom wurde die Kehle durchgeschnitten, aber sie wurde nicht fast enthauptet.

Sendezeit 6:23 Zu den Geständnissen von Söring: „He got some of the facts right, he got a bunch of the facts wrong.” (…dass er einige Fakten richtig wiedergegeben hatte, aber jede Menge auch falsch.). Diese Aussage Grishams ist auch falsch. Sörings Geständnis enthielt umfangreiches Täterwissen, wie der Gutachten von Terry Wright bestätigt (Anlage 2, S. 331):

Soering erzählte uns, dass die Haysoms bei seinem Besuch tranken. Bei den Obduktionen wurden hohe Alkoholwerte bei den Opfern festgestellt. Er beschrieb den Esstisch genau so, wie er von der Polizei gefunden wurde, und sagte uns sogar, wer wo saß. Er sagte uns, dass er seine Schuhe ausgezogen hat; Sockenabdrücke wurden am Tatort gefunden. Soering erzählte uns auch, dass er die Kehlen seiner Opfer durchgeschnitten hat; die Wunden stimmten mit seiner Beschreibung überein. [Söring] sagte, dass Derek Haysom ihn am Kopf schlug und dass er sich während des Kampfes in die linke Hand geschnitten hat und zeigte uns die Narben. Ein Zeuge berichtete, dass er ihn mit Blutergüssen im Gesicht und Verbänden an der linken Hand gesehen hat. Söring sagte, dass er versucht hat, sich in der Küche und dem Bad zu waschen. Dort wurde Blut der Blutgruppe O gefunden, und Soering hat Blut der Blutgruppe O. Er zeichnete auch Skizzen, wo die Leichen lagen, beschrieb eine Blutlache um Nancy Haysoms Kopf und wie Derek Haysom auf der Seite lag, mit den Beinen in Richtung Türöffnung: genau so, wie sie gefunden wurden. Glauben Sie nicht die Lüge, die Söring erzählt, er habe die falschen Stellen für die Leichen angegeben. Die Verteilung der verschiedenen Blutgruppen am Tatort stimmt auch mit dem überein, was Söring in seinen Geständnissen sagt.

Terry Wright hat Sörings Geständnisse persönlich entgegengenommen, hat den Fall jahrelang untersucht, und sagte zweimal bei Sörings Prozess aus. Seine Kenntnisse des Falls sind dementsprechend um einiges umfangreicher als Grishams.

Es gab nur eine Gedächtnislücke im Geständnis von Jens Söring; er konnte sich nicht daran erinnern, welche Kleidung Nancy Haysom trug:

Wright: “Jens, können Sie sich erinnern, was sie selbst trugen… Nancy und Derek?”

Soering: “Was sie trugen… (lange Pause) …. Das ist eine sehr schwierige Frage. Lassen Sie mich versuchen, nachzudenken. Ich glaube, Mrs. Haysom hatte Jeans an… Ich glaube, ah …, aber ich …, wie ich schon sagte, ah … es ist … ich würde sagen, dass ein Teil davon sehr … sehr durcheinander ist.”

Wright: “Es ist vage?

Soering “Ja, sehr durcheinander.”

Das ist der einzige „Fehler“, der sich in den Geständnissen befindet. Und er war gering, da die Kleidung von Nancy Haysom jeansfarben war.

Diese falsche, irreführende Tatsachenbehauptungen von John Grisham, unkommentiert und ungeprüft weitergegeben, verstoßen u.a. gegen Richtlinie III (4) (Weglassen wichtiger Tatsachen); Richtlinie III (6) (gleichwertige Behandlung); und Richtlinie III (5) (Ausgewogenheit).

2. Ehrverletzende Aussagen

Grisham hat auch den Ruf von Sörings Rechtsanwälten und seinem inzwischen verstorbenen Prozessrichter auch beschädigt. Um Sendezeit 7:52 sagt Grisham: „Jens had a terrible defense lawyer at trial. The judge was a crony of the family.” (Jens hatte einen schrecklichen Anwalt beim Gerichtsverfahren. Der Richter war ein Familienfreund der Verstorbenen.).

Diese Aussagen sind eindeutig ehrenrührend und falsch. Söring wurde von zwei Anwälte vertreten, Richard Neaton und William Cleaveland. Die Leistung der beiden wurde von gleich mehreren Gerichten, deren Urteile oben verlinkt werden, überprüft und für kompetent befunden. Siehe, e.g., Soering v. Deeds, No. 99-6498, 30. Juni 2000, Fourth Circuit Court of Appeals, S. 8: „Counsel was … not ineffective“ (“Sörings Verteidiger waren … nicht unfähig”); S. 9: (“ Counsel’s performance was not objectively deficient”) (“Die Leistung Sörings Anwälte war objektiv nicht fehlerhaft”).

Die Aussage über den inzwischen verstorbenen Richter beim erstinstanzlichen Prozess, William Sweeney, ist besonders problematisch. Bei der deutschen Übersetzung vom englischen „crony“, die vom ZDF zur Verfügung gestellt wurde, wird „crony“ als „Familienfreud“ übersetzt. Aber diese Bedeutung beschränkt sich auf den informellen Bereich. Das Wort „crony“, im hier zutreffenden politischen/juristischen Kontext hat eine eindeutig negative Konnotation, vergleichbar mit Klüngel oder Clique auf Deutsch. Dies wird belegt von den Beispielsätze, die beim Eintrag „crony“ im Merriam-Webster Dictionary, dem führenden amerikanischen Wörterbuch, erscheinen:

The mayor rewarded his cronies with high-paying jobs after he was elected.

“Nach der Wahl entlohnte der Oberbürgermeister seinen Kumpel mit gut-dotierten Stellen“

the criminal’s cronies were also closely questioned about the illegal gambling operation.

“Die Kumpel des Verbrechers wurden zum illegalen Glücksspielbetrieb akribisch vernommen.“

Hier wird klar, dass Grisham Richter William Sweeney mindestens eine zwielichtige Verbindung zur Familie Haysom unterstellt. Das ist nachweisbar falsch. Richter William Sweeney pflegte eine oberflächliche Bekanntschaft mit der Familie Haysom, nicht mehr. Söring hat diese Bekanntschaft zum Gegenstand einer Befangenheitsantrag gemacht. Dieser Antrag wurde schon 1991 von dem Virginia Court of Appeals zurückgewiesen. Dieses Gericht untersuchte das Protokoll Sörings Prozess und fand kein Anzeichen von „Befangenheit, Vorurteilen oder einen Eindruck von Fehlverhalten“ bei Sweeneys Prozessführung. Selbst in Deutschland wäre eine derartige Beziehung eines Richters zu einer Partei unbedenklich, siehe OLG Hamm, Beschluss vom 15.05.2012 – I-1 W 20/12 („Lockere Freundschaft“ zwischen Richter und Partei kein Grund zur Annahme von Befangenheit).

V. Antrag

Aus den oben genannten Gründen ist es anzunehmen, dass die beide beanstandete Sendungen gegen mehrere Richtlinien des ZDFs verstießen. Daher beantragen die Beschwerdeführer folgendes:

  1. Die sofortige Entfernung der beiden Sendungen aus der ZDF-Mediathek.
  2. Jegliche weitere Ausstrahlung der betroffenen Sendungen in jeder Form zu unterlassen.
  3. Herausgabe an die Beschwerdeführer von sämtlicher Korrespondenz zu den beanstandeten Sendungen zwischen Markus Lanz bzw. seinen Vertreter, dem ZDF, der Produktionsfirma Mhoch2 einerseits, und Jens Söring und seine Vertreter andererseits.
  4. Markus Lanz wird sich öffentlich und in wirksamer Weise von den beiden Sendungen distanzieren.

hilfsweise

  1. Werden die Sendungen nicht aus der Mediathek entfernt bzw. weiter ausgestrahlt, muss das ZDF eine Gegendarstellung, die mindestens genau so lange wie die Sendungen ist, gleich im Anschluss ausstrahlen. Diese Gegendarstellung ist dann neben die Sendungen in ZDF-Mediathek auf unbestimmte Zeit zur Verfügung zu stellen.

Für Fragen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Düsseldorf, den 20 Mai 2020

/s/

Andrew Hammel

Berlin, den 20. Mai 2020

/s/

RA Markus Goldbach

Ausdrücklich in eigenem Namen und nicht als anwaltlicher Vertreter von Elizabeth Haysom handelnd

UPDATE/KORREKTUR (20:10, 20. Mai 2020): Wegen der Notwendigkeit, zeitnahe eine Beschwerde gegen die Sendung einzureichen, wurden zwei Behauptungen aus einer früheren Fassung versehentlich in der Beschwerden und im ursprünglichen Blog-Beitrag wiedergegeben.

Die erste Behauptung war: “Insbesondere wurde die eindeutige Beweislage gegen Söring, der sein Geständnis über einen Zeitraum von Jahren aufrechterhalten und auch in Zweiergesprächen mit seinem Anwalt, mit Psychologen und seinem Vater immer wieder wiederholt hatte, nicht erwähnt.”

Es gibt keine ausreichend gesicherten Quellen für die Behauptung, Söring habe gegenüber seinem Vater und seinen damaligen Anwälten gestanden. Die Passage wurde daher folgendermaßen umformuliert: “Insbesondere wurde die eindeutige Beweislage gegen Söring, der sein Geständnis über einen Zeitraum von Jahren aufrechterhalten und auch in Zweiergesprächen mit Psychologen immer wieder wiederholt hatte, nicht erwähnt.”

Die zweite Behauptung war: “Und weil dieser Vorwurf auch nach Auffassung der Anwälte von Söring falsch und eindeutig ehrenrührig ist, darf Söring ihn nicht mehr erheben.”

Es gibt keine ausreichend gesicherten Quellen, die die Auffassung der Anwälte von Söring belegen können.

Daher wurde die Passage folgendermaßen umformuliert: “Und weil  dieser Vorwurf auch vermutlich nach Auffassung der Anwälte von Söring nicht beweisbar und eindeutig ehrenrührig ist, darf Söring ihn nicht mehr erheben.”

Eine korrigierte Fassung der Beschwerde wird morgen beim ZDF eingereicht.

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