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Eine Söring-FAQ für neue Leser

“In meinen Augen ist Jens Söring ein grundehrlicher Mensch. Er versteckt nichts.” Michael Vetter, Co-Regisseur, “Das Versprechen: Erste Liebe Lebenslänglich

Die Seitenaufrufe dieser Website sind in letzter Zeit sprunghaft angestiegen, weil Söring mich in seinem Buch kritisiert hat. Ich bin der “texanische Blogger”, der sich kritisch über Söring geäußert hat. Deshalb diese FAQ über mich, Söring, und seinen Fall. Hier finden Sie nur einen kurzen Überblick des Falls; wenn Sie mehr erfahren wollen, bitte auf die Links unten klicken.

Ein Hinweis im Voraus: Für Menschen, die fest an Sörings Geschichte glauben, kann die erste Begegnung mit den wahren Fakten und Sörings Lügen traumatisich sein. Das ist kein Scherz. Überlegen Sie sich mal, ob Sie weiterlesen möchten.

Ich werde nur vereinzelt Hyperlinks mit einbauen, weil das Zeit kostet. Am Ende des Beitrags aber steht eine Liste von Veröffentlichungen. Wenn sie hinter einer Bezahlschränke stehen (ich weiß, total ärgerlich), kann ich Ihnen die gerne per Email zukommen lassen. Außerdem können Sie die Kategorie “Söring” in diesem Blog aufrufen. Da gibt es zahlreiche Fakten und Analysen zum Fall, öfters auf der Grundlage von Originaldokumenten. Leider sind die meisten auf Englisch, aber es gibt auch 5-6 wichtige Beträge auf Deutsch.

Ich bin gerne bereit, über den Fall zu diskutieren, wenn es die Zeit erlaubt. Ich möchte Sie aber freundlichst darum bitten, erst meine Artikel zum Fall zu lesen, besonders diese sehr, sehr lange FAZ-Artikel von Januar 2020. Jede Tatsachenbehauptung und jedes Urteil in diesem Text fußt auf meiner umfangreichen Recherchen. Ich habe fast alles über den Fall gelesen, was es gibt, inklusive der gesamten wörtlichen Prozessprotokolle von den Verfahren gegen Jens Söring und Elizabeth Haysom. Sie können viel längere und detailliertere Versionen dieser Argumente in meinen veröffentlichten Artikeln zum Fall finden. Bitte haben Sie also Verständnis dafür, wenn ich nicht auf eine Frage eingehe, die ich an anderer Stelle geantwortet habe. Bitte verzeihen Sie mir auch Sprachfehler und unglückliche Formulierungen — ich habe diese FAQ in Windeseile geschrieben.

Jens Söring FAQ

Wer bin ich?

Meine Personalien sind eigentlich irrelevant, aber Team Söring (Söring, sein Anwalt Stephan Grulert, die PR-Firma Dederichs, Reinecke & Partner, und Sörings engste Vertrauten) versucht mich immer wieder ausnahmslos hinter den Kulissen zu diskreditieren. Eine kurze Vorstellung ist also angebracht. Wenn Sie sich nicht für meinen Hintergrund interessieren, können Sie diesen Abschnitt gerne überspringen.

Ich heiße Andrew Hammel. Ich studierte Anglistik an der University of Texas und Jura an der University of Houston und Harvard Law School. Nach Abschluss meines Jurastudiums im Jahr 1996 arbeitete ich 5 Jahren für die großartige texanische NGO Texas Defender Service, die Menschen vertritt, die in Texas zum Tode verurteilt worden sind. Diese Kanzlei hat bahnbrechende, lebensrettende Reformen in Texas mit herbeigeführt, und verdient auf jeden Fall eine großzügige Spende. Ich konnte aber den gewaltigen Druck, Todeskandidaten zu vertreten, nicht mehr aushalten. Ich bin leider kein Aktivist. Folglich habe ich ein LL.M bei Harvard Law School gemacht in der Absicht, einen akademischen Laufbahn in Europa einzuschlagen. Warum Europa? Weil ich deutscher Herkunft bin (siehe Nachnahme) in Belgien geboren wurde, und wollte immer das Leben in Europa wieder mal ausprobieren. Ich bin dann im Jahr 2003 nach Düsseldorf umgezogen und habe mich in diesem Juwel am Rhein verliebt. Seit fast 20 Jahren lebe ich in Düsseldorf, und fühle mich jetzt pudelwohl, und genauso deutsch als amerikanisch.

Mehr als ein Jahrzehnt lang war ich Gastdozent und Juniorprofessor für anglo-amerikanisches Recht an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf. Ich habe stets versucht, ein wahres Bild der US-amerikanische Justiz, mit all seinen Errungenschaften aber auch seine Mängel, ehrlich und sachkundig zu vermitteln. Ich habe tausende deutsche Studierenden unterrichtet, und die meisten davon waren damit zufrieden. Ich habe dabei wiederholt die US-amerikanische Justiz sachlich kritisiert aber auch in bestimmten Fällen verteidigt. Fragen Sie mal die Studierende, die meinen Vorlesungen beigewohnt haben. Es gibt schließlich tausende davon.

Im Jahr 2010 habe ein ein Buch über die Abschaffung der Todesstrafe veröffentlicht. Ich habe auch zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zum Verfassungsrecht, Strafrecht, und Recht und Soziologie geschrieben. Sie können die meisten meiner Veröffentlichungen hier herunterladen. Ich war auch als Berater in Todesstrafe-Wiederaufnahmeverfahren bis 2005 tätig, dann ließ ich meine anwaltliche Zulassung ruhen. Ich habe Deutsch gelernt, aber spreche nach wie vor mit einem lustigen Akzent. Ich liebe die deutsche Sprache (obwohl ich sie nie vollkommen beherrschen werde), und bin dankbar, dass ich in diesem wunderschönen Land leben darf. Die meisten Deutschen halten mich für einen Briten. Als Anglophil finde ich das geradezu schmeichelhaft.

Seit 2016 bin ich freiberuflicher Übersetzer. Ich habe 3 Bücher aus dem Deutschen ins Englisch übersetzt. Ich habe auch Journalismus und Essays in deutschen Zeitungen und Zeitschriften — auch zu Söringfremden Themen — veröffentlicht.

Warum schreiben Sie so viel über Jens Söring?

Weil ich der einzige Journalist bin, der Deutsch kann und sich je kritisch mit Sörings Behauptungen auseinandergesetzt hat. Wenn ich den Wahrheitsgehalt von Sörings Einlassungen nicht geprüft hätte, gäbe es ganz sicher keinen deutschen Journalisten, der das gemacht hätte. Viele deutsche Journalisten mögen Söring und nicht wenige sind persönlich mit ihm befreundet. Daher arbeiten sie oft eng mit Team Söring zusammen, um die am meisten belastenden Tatsachen herunterzuspielen.

Ich halte das für ein Armutszeugnis für den deutschen Journalismus. Glücklicherweise hat meine Arbeit schon Früchte getragen — der Tonfall der Berichterstattung über Söring in den deutschen Medien ist jetzt ungleich objektiver als im Jahr 2019. Die Wahrheit setzt sich langsam durch.

Warum hassen Sie Jens Söring?

Ich hasse ihn nicht. Ich habe seine Freilassung wiederholt öffentlich begrüßt: Ich bin Gegner der Todesstrafe und von lebenslangen Freiheitsstrafen ohne eine Chance auf Freilassung. Ich bin Söring nie persönlich begegnet, und habe kein besonderes Interesse an einem Treffen. Sörings heutiges Privatleben interessiert mich nicht. Ich finde, Söring hat viele positive Charaktereigenschaften: Er ist intelligent, wortgewandt, und diszipliniert, und kann streckenweise sehr sympathisch wirken. Er ist vielleicht tatsächlich ein sympathischer Mensch in vielerlei Hinsichten.

Mich interessieren nur die Eigenschaften, die für eine Einschätzung seiner Glaubwürdigkeit und seiner Unschuldsbehauptungen relevant sind: Söring kann nicht mit der Wahrheit umgehen, besonders wenn es um seine Schuld geht. Er hat auch den Hang, anderen Menschen die Schuld für seine Lebenslage zu schieben — allen voran Elizabeth Haysom, die er nach wie vor hasst (manchmal gibt er das zu, manchmal verneint er dies, aber der Tonfall seiner Bemerkungen über Elizabeth spricht Bände). Söring hat viele Menschen diffamiert — die Falschheit seiner Vorwürfe steht außer Frage. Er hat andere Personen völlig haltlos beschuldigt, den von ihm begangenen Doppelmord ausgeführt zu haben. Er hat Ermittler, die ihn fair und ehrlich behandelt haben, des schweren Amtsmissbrauchs beschuldigt. Er kämpft erbittert um seinen Ruf, missachtet aber die Persönlichkeitsrechte anderer Menschen, wenn dies ihm günstig erscheint. Er ist kein “German Monster”, aber auch nicht das Unschuldslamm, der in den Talk Shows über die Liebe plaudert.

Was ist im Fall Jens Söring wirklich passiert?

Söring wurde 1966 als Sohn eines deutschen Diplomaten in Thailand geboren. Nachdem sein Vater nach Amerika versetzt worden war, begann er ein Studium an der Universität von Virginia. Im August 1984 lernte er dort die 20 Jahre alte Elizabeth Haysom kennen, Tochter von Derek und Nancy Haysom, einem wohlhabenden Ehepaar, das in Virginia lebte. Söring und Elizabeth – beide intelligent, neurotisch und geistig labil – begannen eine Beziehung, die von euphorischer Leidenschaft, seelischer Überspannung und bizarren Gewaltphantasien geprägt war (der Briefwechsel der beiden ist online nachzulesen und faszinierend). Haysoms Eltern missfiel die Beziehung zu Söring.

Die Abneigung war gegenseitig: Haysom und Söring hassten Haysoms Eltern. Zusammen schmiedeten sie Pläne, die Haysoms umzubringen. Am 30. März 1985 fuhr das junge Paar nach Washington, D.C. Dort buchten sie ein Hotelzimmer und kauften Kinotickets, um sich ein Alibi zu verschaffen. Dann fuhr Söring zu den Haysoms, wo es erst zu einem Gespräch, dann zu einem Streit kam; schließlich sei er ausgeflippt, wie Söring später sagte. Sowohl Söring als auch die Haysoms waren stark alkoholisiert. Unvermittelt stach er auf Elizabeth’ Eltern ein. Die Opfer erlitten Dutzende Messerstiche.

Nach den Morden kehrte Söring nach Washington zurück. Im Oktober 1985 wurde er aufgefordert, Blutproben und Fingerabdrücke bei der Polizei abzugeben. Stattdessen floh er überstürzt aus den Vereinigten Staaten; Elizabeth folgte ihm kurz danach. Im April 1986 wurden sie bei einer Betrugsmasche in London ertappt. Wright war einer der Beamten, der mit dem Betrugsfall befasst wurde. Gegenüber Wright und anderen Beamten gestanden Söring und Haysom ihre jeweiligen Rollen im Mordkomplott. Beide wurden ausgeliefert, nachdem der Staat Virginia zugesagt hatte, auf die Todesstrafe zu verzichten. In seinem Prozess änderte Söring seine Geschichte dann radikal: Elizabeth habe ihre Eltern selbst getötet, während er, Söring, in Washington gewartet habe. Er habe die Tat nur gestanden, um Elizabeth zu schützen. Die Jury glaubte ihm nicht. Seine Revisionen scheiterten.

Wie sind Sörings Geständnisse zustande gekommen?

Söring wurde von 5. Juni 1986 bis 9. Juni 1986 in Richmond Police Station zu den Morden verhört. Seine Gesprächspartner waren die Britische Detektive Kenneth Beever und Terry Wright, und ein Beamter aus Bedford County, Virginia, Ricky Gardner. Söring wurde wiederholt auf seine Rechte nach britischem und amerikanischem Recht aufmerksam gemacht, und verzichtete wiederholt schriftlich auf rechtlichen Beistand. Trotzdem wurde es ihm erlaubt, mit seinem Pflichtverteidiger Keith Barker zu sprechen. Barker riet Söring dringend dazu, der Polizei nichts zu sagen in Barkers Abwesenheit. Söring ignorierten den Rat, und gestand stundenlang. Es gibt 5 Stunden von Aufnahmen von Sörings Verhören und Geständnissen. Sie können eine Aufnahme von Sörings Verhör vom 5. Juni 1986 hier ungekürzt hören.

Zu keiner Zeit hat Söring gesagt, dass er die Verhöre abbrechen wollte — in der Tat hat er mindestens einmal Kontakt mit den Beamten selber initiiert. Manchmal sagte er während den Vernehmungen, dass er eine bestimmte Frage nicht beantworten möchte, ohne vorher mit Barker gesprochen zu haben. Ausnahmslos kamen die Beamter diesem Wunsch nach und stellten ihm dann eine andere Frage. Söring war 19 Jahre alt, ein welterfahrener Diplomatensohn, hochintelligent, gesund, und stand nicht unter dem Einfluss von Drogen oder einer Geisteskrankheit. Er gestand nachweislich aus freien Stücken. Deshalb konnten fast alle Vernehmungsprotokolle und Aufnahmen später gerichtlich verwertet werden. Zu recht.

Warum gestand Söring?

Am Anfang des ersten Verhörs gab Söring zu, zwei Menschen getötet zu haben. Er hatte deshalb panische Angst davor gehabt, zum Tode verurteilt zu werden. Auch war er überzeugt, dass er schon überführt war. Er glaubte, die Polizei hätten schon seine Fingerabdrücke am Tatort gefunden (deshalb die übereilte Flucht), er wusste, dass die Polizei die extrem belastenden Briefe und Tagebuch-Einträgen gelesen hatten. Er ging davon aus, dass Elizabeth (die selbstverständlich getrennt verhört wurde) bald alles auspacken würde, oder bereits ausgepackt hatte. Er entschied sich also, die Taten einzugestehen, aber auf verminderte Schuldfähigkeit zu plädieren. Deshalb betonte er ständig, dass er stark angetrunken war und die Haysoms in einer Art Wutanfall getötet hat.

Aber er dachte, er hätte diplomatische Immunität gehabt, oder?

Dies ist eine Notlüge, die Söring lange nach den Verhören erfand. Diplomatenkinder werden immer penibel über die Grenzen ihrer Immunität unterrichtet, und jeder von ihnen weiß, dass sie keinerlei Schutz von der Strafverfolgung von Kapitalverbrechen genießen. Schließlich können schwere Straftaten von Diplomatenkinder internationale Beziehungen gewaltig stören — wie übrigens in diesem Fall. Söring hat einen hohen IQ und hat diese wiederholten eindringlichen Warnungen zweifellos verstanden. Zudem wurde Söring ausdrücklich von den Detektiven darauf hingewiesen, dass er sehr wahrscheinlich keinen Schutz bezüglich einer derart schweren Straftat genießen würde.

Aber er wollte Elizabeth schützen!

Genau das Gegenteil ist wahr. Söring gestand vier Tage vor Elizabeth, am 5. Juni 1986. Gleich nach dem Beginn seiner Befragung sagte Söring: “Ich will über die Beteiligung von Elizabeth reden”. Dann schilderte er Elizabeth’ Rolle bei der Vorbereitung auf die tödliche Konfrontation mit den Haysoms. Das Verbrechen, das Söring Elizabeth vorwarf, heißt Beihilfe im Voraus zu einem Kapitalverbrechen. Der Strafmaß dafür beträgt 20 Jahren bis lebenslang. Hauptsächlich aufgrund Sörings Einlassungen haben die Beamter am 9. Juni Elizabeth — die bisher alles verschwiegen hat — dazu überzeugen können, selbst ein Geständnis abzulegen. Ihr Geständnis wich in nur unbedeutenden Details von Sörings ab. Beide stimmten überein, dass Elizabeth in Washington, D.C. gewartet hat, während Söring ihre Eltern konfrontierte und anschließend tötete.

Söring hat Elizabeth in die Bredouille gebracht, nicht umgekehrt. Außerdem hat Söring dieses angebliche Motiv für sein Verhalten erst Juni 1990 öffentlich preisgegeben. Vier Jahre lang hat er niemandem davon erzählt, dass er gestanden habe, nur um Elizabeth zu schützen. Söring enthüllte diese Geschichte erst in seiner Aussage in der Hauptverhandlung. Vorher hatte er versucht, die Geständnisse mit der Einrede der Unfreiwilligkeit auszuschließen, indem er Kenneth Beever beschuldigt hat, Gewaltandrohungen gegen Elizabeth ausgesprochen zu haben, um Söring zum Gestehen zu zwingen. Der Richter fand ausdrücklich, dass Söring hierzu unter Eid gelogen hat. Die Geständnisse würden also reinkommen. Auch würden Sörings Versuche, eine Verteidigung auf der Grundlage von verminderter Schuldfähigkeit in den Geständnissen zu etablieren, nichts bringen. Virginia erkennt nämlich keine verminderte Schuldfähigkeit in Mordfällen an.

Söring brauchte also dringend einen Taktikwechsel. Und das hat er vollzogen. Die “Ich habe gestanden, um Elizabeth zu schützen”-Geschichte war eine Notlüge, die Söring erst bei seinem Prozess erfunden hat, um seine Geständnisse irgendwie zu entkräften. Die Geschichte war voller unerklärbaren Widersprüchen, wurde durch Kreuzverhör restlos zerstört, und hat damals keinen Mensch überzeugt.

Die Tatsache, dass Sörings 30 Jahre alte, längst widerlegte, alberne Notlüge nach wie vor die Berichterstattung in Deutschland prägt, ist geradezu halluzinatorisch, und ein weiteres bitteres Armutszeugnis für den deutschen Journalismus.

Waren Sörings Geständnisse verlässlich?

Sehr. Söring hat den Tatablauf akribisch und weitestgehend stimmig geschrieben. Seine Geschichte deckt sich mit den Umständen am Tatort. Sörings Geständnisse enthalten Täterwissen, das nur der Mensch, der die Haysoms persönlich umbrachte, erlangt haben konnte. Seine erst im Juni 1990 geäußerte Behauptung, diese Informationen allesamt aus zweiter Hand von Elizabeth (der währe Mörderin) erfahren zu haben, ist eine weitere Notlüge. Seine Geständnisse enthalten genaue Beschreibungen und belastende Bemerkungen, die unmöglich von Elizabeth hätte stammen können. Söring irrte sich nur zweimal: Er konnte sich nicht mehr erinnern, was Nancy Haysom trug, und hat gemutmaßt, dass sie Jeans anhatte. Tatsächlich trug sie einen bluejeansfarbenen Hausmantel mit Aufdrücken. Auch hat er die genaue Orientierung der Leiche von Derek Haysom leicht ungenau wiedergegeben. Dereks Leiche wurde gefunden, genau wo Söring angegeben hat, aber um 90° gedreht. Das waren die einzigen Unstimmigkeiten, und die sind nebensächlich, weil alles anders stimmt. Das menschliche Gedächtnis ist kein Aufnahmegerät; triviale Unstimmigkeiten kommen in fast allen Geständnissen vor. Sie sind unerheblich, wenn die Geständnisse sonst verlässlich sind und ausreichend Täterwissen enthalten. Das trifft hier zu.

Aber er hat seine Geständnisse widerrufen!

Der “Widerruf” eines Geständnisses ist kein Rechtsbegriff. Wenn man in einem Raum neben Polizeibeamter sitzt, auf das eigene Aussageverweigerungsrecht vorsätzlich und nach Mahnungen verzichtet, und eine Straftat ausführlich gesteht, während Beamter alles zu Protokoll geben, schafft dieser Vorgang rechtliche Tatsachen. Solange die Geständnisse rechtmäßig erlangt wurden und verlässlich sind, kommen sie vor Gericht, sowohl in Deutschland als auch in den USA. Ein späterer “Widerruf” ist irrelevant. Man kann ein rechtmäßig erlangtes Geständnis genau so wenig ohne weiteres “widerrufen” wie eine rechtmäßig eingegangene Ehe.

War Sörings Prozess ein reiner Indizienprozess?

Nein. Es gab einen Zeugen, der die Straftat beobachtet und ausführlich darüber berichtet hat: Jens Söring. Es gab eine weitere Zeugin, die das Motiv und Vorbereitung geschildert hat: Elizabeth Haysom. Weil Söring die Tat schon gestanden hat, musste die Staatsanwaltschaft lediglich Beweise, die seine Geständnisse bestätigen (“corroborate“), vorbringen. Derartige Beweise gab es zuhauf.

Was ist Elizabeth Haysom passiert?

Sie hat ihre Auslieferung in die USA nicht angefochten. Sie erkannte ihre Schuld vor Gericht an, und erhielte zwei Freiheitsstrafen von je 45 Jahren. Sie sagte auch gegen Söring aus. Darum hasst Söring sie inbrünstig bis zum heutigen Tag. Dass ist nicht überraschend. Verbrecher verachten Mittäter, die vor Gericht belastend aussagen, mit einer besonderen Intensität. Die werden als “snitches” abgestempelt, und werden in Gefängnissen gesondert untergebracht, weil sie sonst angegriffen werden würden. In dieser Hinsicht ist Söring ein ganz gewöhnlicher Verbrecher.

Haysom war (übrigens wie Söring) eine vorbildliche Gefangene. Nach ihrer Freilassung siedelte sie nach Kanada um. Sie lebt soweit ich weiß jetzt unter einem anderen Name mit Familienmitglieder. Ich bin übrigens ihr nie begegnet und habe nie mit unmittelbar mit ihr kommuniziert.

War Elizabeths Aussage entscheidend?

Sie war wichtig, aber nicht entscheidend. Sörings Anwälte haben zahlreiche Unstimmigkeiten zwischen ihrer Aussage beim eigenen Prozess und ihrer Aussage beim Sörings Prozess entdeckt. Genau wie bei Söring war es Elizabeth damals nicht möglich, den vollen Umfang ihrer Schuld anzuerkennen. Deshalb hat sie behauptet, dass sie zur Tatzeit schwer unter Drogeneinfluss stand, und dass sie von ihrer Mutter sexuell missbraucht wurde. Das waren ihre bevorzugte Ausreden. Sie hat diese Aussagen inzwischen relativiert, und dann wieder einmal doch bekräftigt. Das alles ist unübersichtlich, aber schließlich Nebensache. Söring meint, dass der angebliche sexuelle Missbrauch von Haysoms Mutter die wahre Grund war, warum Elizabeth die Haysoms tot sehen wollte. Das könnte sogar wahr sein. Das Problem ist, dass Söring die Morde tatsächlich ausgeführt hat.

Auf jeden Fall wurde Elizabeth stundenlang sehr wirksam auf der Grundlage dieser Unstimmigkeiten vor der Jury kreuzverhört. Der Kern ihrer Aussage aber blieb unverändert: Ich habe das Alibi aufgestellt, während Söring meine Eltern tötete.

Waren Sörings Anwälte unfähig?

Nein. Söring bestellte zwei private Anwälte, um ihn zu verteidigen: Richard Neaton und William A. Cleaveland. Cleaveland war ein erfahrener Strafverteidiger aus Virginia, der zuvor als Staatsanwalt gearbeitet hat. Später wurde er Mitglied im Landtag von Virginia und hat sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Söring verschweigt immer, dass er von zwei Anwälten vertreten wurde, weil er alle Aufmerksamkeit auf Richard Neaton lenken will. Warum? Weil es nach Sörings Prozess bergab mit Neaton ging; ihm wurde schließlich die Zulassung als Anwalt im Jahr 2001 entzogen. Zu der Zeit von Sörings Prozess aber war Neaton ein erfahrener und angesehener Anwalt. Er hat Söring eifrig vertreten, wichtige taktische Siege eingefahren und die Zeugen gegen Söring gekonnt kreuzverhört. Millionen Menschen haben den Prozess live verfolgt und waren von seiner Leistung beeindruckt. Auch wurde die Leistung von Neaton und Cleaveland mehrmals von Berufungsrichtern geprüft und für ‘effektiv’ (um den US-amerikanischen Rechtsbegriff zu benutzen) befunden. Richtigerweise.

Was ist mit dem Sockenabdruck?

Der Zeuge Robert Hallett sagte nicht als Sachverständiger aus, weil man Sockenabdrucke in der Regel nicht einer bestimmten Person mit letzter Sicherheit zuordnen kann. Er hat lediglich den Sockenabdruck am Tatort mit dem Fußabdruck Sörings verglichen und festgestellt, dass Söring den Sockenabdruck hinterlassen haben konnte. Dem stimmt sogar Söring zu: in seinem 1995 erschienen Buch Mortal Thoughts bestätigte er, dass sein Fußabdruck “verblüffend ähnlich” mit dem Sockenabdruck am Tatort aussah. Sörings Anwälten haben ihr Bestes gegeben, die Bedeutung des Sockenabdrucks herunterzuspielen, und haben auch argumentiert, dass Elizabeth den Sockenabdruck hätte hinterlassen können.

Der Sockenabdruck allein beweist Sörings Anwesenheit am Tatort nicht. Das war nicht nötig — Sörings Geständnissen, mit ihren umfangreichen Täterwissen, haben das bewiesen. Der Sockenabdruck diente lediglich als Bestätigung von Sörings Geständnissen. Die Geschworenen haben sämtliche Beweisstücke persönlich stundenlang angeschaut, und sind zu dem Schluss gekommen, dass der Sockenabdruck — im Zusammenhang mit allen Beweisen betrachtet — wahrscheinlich von Söring hinterlassen wurde. Dieser Schluss war legitim und von den anderen Beweisen reichlich untermauert.

Aber die DNA beweist seine Unschuld! Es gab mehrere Männer am Tatort!

Nein. Die Gründe, warum Söring eine Zeit lang behauptete, dass die DNA-Beweise ihn entlasten würden, sind zu komplex, um hier beschrieben zu werden. Ich habe das Thema in meinem FAZ-Artikel von Januar 2020 ausführlich analysiert. Terry Wright hat diesem Thema stolze 100 seiten in seinem Bericht gewidmet. Fazit: Die DNA, die am Tatort gefunden wurde, stammte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit allesamt von Derek Haysom, der am meisten geblutet hat. Es gibt keine Hinweise auf Personen am Tatort außer die Haysoms und Jens Söring.

Söring scheint dies inzwischen einigermaßen akzeptiert zu haben. Er gibt heute zu, dass er seine Unschuld nicht “positiv” beweisen kann. Er pocht immer noch auf vermeintliche fremde Schuhabdrucke am Tatort, aber seine diesbezügliche Äußerungen sind verworren; er macht es nie klar, genau was er meint. Die “alternativen Verdächtigen”, die Söring mittels haltlosen Anschuldigungen oder fragwürdigen Beweisen in Verbindung mit der Tat bringen möchte, gaben den amerikanischen Journalistinnen von dem Podcast “Big Town, Small Crime” alle DNA-Proben ab. Ihre DNA wurde nicht am Tatort gefunden. Selbst ein von Söring bestellter Sachverständiger, Dr. J. Thomas McClintock, hat inzwischen zugegeben, dass es durchaus der Fall sein kann, dass sämtliche am Tatort gefundene männliche DNA-Spuren von Derek Haysom stammten. Alle unabhängigen Experten sind zu demselben Schluss gekommen.

Söring hat mittlerweile weitestgehend aufgehört, über “Beweise” von fremden Männern zu sprechen. Das Thema scheint vorerst erledigt. Söring aber reanimiert gerne alte Anschuldigungen, wenn er vor einem ahnungslosen Publikum redet und glaubt, daher damit durchkommen zu können.

Warum würde Söring freigelassen ohne Begnadigung?

Das Virginia Board of Pardons and Paroles hat Sörings Fall jahrelang gründlich untersucht, und seine Unschuldsbehauptungen anschließend als haltlos eingestuft. Sörings Aussage, dass Virginia seine Unschuld nicht anerkannt hat, um ihm keine Entschädigung zahlen zu müssen, ist eine Lüge. Virginia hat wiederholt Haftentschädigung bezahlt, wenn der Gefangene beweisen konnte, dass er unschuldig war. Söring hat dies nie beweisen können, und bekam daher kein Geld.

So einfach ist das.

Warum hat Söring so viele prominente Unterstützer?

Team Söring geht folgendermaßen vor: Sie senden Journalisten und Prominenten ein einseitiges “Media-Pack”, dass Söring angenehmen Informationen enthält. Freundliche Journalisten haben mir mehrere Exemplare von dem “Media-Pack” zur Verfügung gestellt. Dann kommt es zu einem Gespräch mit Söring. Der ernsthafte, wortgewandte, scheinbar einsichtige Diplomatensohn hinterlässt bei vielen Menschen einen angenehmen Ersteindruck. Söring ist klug und weiß genau, welche Knöpfe zu drücken sind und bei welchen Leuten.

Nun mag der Journalist oder Promi Söring irgendwie und hat außerdem Mitleid mit dem Mann, der eine sehr harte Strafe verbüßt bzw. verbüßt hat, was durchaus verständlich ist. Es ist auch einfach spannend, an der Behebung eines (vermeintlichen) Justizirrtums zu arbeiten. Ich weiß von dieser Begeisterung, weil ich selber ein Paar wahre Justizirrtümer aufgedeckt habe. Auch sind Sörings Argumente auf oberflächlichem Niveau überzeugend — der Promi weißt also nicht, dass fast alles, was ihm von Söring erzählt bekam, nicht stimmt. Vor dem 15. Dezember 2017 gab es keine seriöse Webseite oder Berichterstattung, die Sörings Unschuldsbehauptungen gründlich und sachkundig in Frage stellen.

Dann redet der Journalist/Promi mit einem Kollegen, und erzählt von dem netten Menschen, der unschuldig in Virginia sitzt und so überzeugend rüberkommt. “Es muss was dran sein,” denkt er, “weil mein geschätzter und kluger Kollege daran glaubt.” Anschließend bekommt der Kollege das “Media-Pack”, und alles fängt von vorne an. Dieses ausgeklügelte System hat sogar bei einigen Polizisten geklappt, was ich beeindruckend finde, obwohl ich auch überzeugt bin, dass (unübersichtliche) interne Streitigkeiten und Ressentiments unter bestimmten Polizeibeamten in Virginia hier auch eine erhebliche Rolle gespielt haben.

Aber ganz gleich, wie berühmt man ist oder welchen Beruf man ausübt, gibt es nur einen einzigen Maßstab für die Äußerungen von Promis und Polizisten: Spiegeln sie die ganze Wahrheit wider? Bei Söring ist die Antwort fast immer “nein”.

Warum erfahre ich von vielen dieser Tatsachen hier zum ersten Mal?

Weil fast die gesamte deutsche Journalistenzunft kläglich versagt hat. Die journalistische Fehlleistungen in der Berichterstattung über Jens Söring in Deutschland sind mit dem Fall Relotius durchaus vergleichbar. Aber es wird keine Kommission geben, um das Skandal restlos aufzuklären. Vermutlich weil Söring Deutscher ist, und Quoten bringt.

Das war’s denn für heute. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Quellen:

Die Beweislage im Fall Söring“, FAZ, 22.1.2020

Eine paradoxe Mischung aus Zynismus und Blauäugigkeit“, FAZ, 26.11.2019

Jens Söring wird erst wirklich frei sein, wen er zugibt, ein Mörder zu sein“, Berliner Zeitung, 5.9.2021

Fabricated Innocence: The Self-Exoneration and Re-incrimination of Jens Söring“, Quillette, 8.3.2020

6 thoughts on “Eine Söring-FAQ für neue Leser”

  1. Brillante Zusammenfassung. Vor allem der Warnhinweis bezüglich einer möglichen Traumatisierung zeugt von Seriosität. Auch ernst gemeint.

    1. Danke für den Link, es ist in der Tat so, dass man bei der Moderation etwas vorsichtiger geworden ist, leider hilft das wenig, so lange man nicht selbst nachforscht, ich habe selbst auch über 10 Jahre lang gedacht, JS sei unschuldig bevor ich mehr oder weniger zufällig auf die Arbeiten von AH gestoßen bin … und es ist und bleibt ein grobes Versagen der sogenannten Öffentlich-Rechtlichen Medien, die wir alle bezahlen und auch hier nicht wirklich eine Gegenleistung bekommen!

  2. Ein paar kleine sprachliche Anmerkungen:

    “Haysom bestritt ihre Überlieferung in den USA nicht.”

    Das heißt “Auslieferung” und das Wort “bestreiten” ist hier auch falsch. Der Satz soll ja bedeuten, dass sie sich gegen ihre Auslieferung AN die USA nicht gewehrt hat, oder sehe ich das falsch?

    Außerdem: “Spiegeln sie die ganze Wahrheit wieder?”

    Das heißt “widerspiegeln” (mit i und nicht mit ie):
    https://www.korrektor.org/wiederspiegeln.html

  3. @555

    Das Komma vor dem “Oder” ist falsch.

    @andrewhammel

    Danke für die Zusammenfassung. Auch ich war auf dem falschen Dampfer.

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